Historische Dimension

Das Projekt soll eine Schlussfolgerung aus den Ursachen der Schrecken des Nationalsozialismus sein. Ausgehend von der Frage, wie ein fabrikmäßiges Morden im kultivierten Deutschland des 20. Jahrhunderts, dem „Land der Dichter und Denker“ mit seiner hochentwickelten wissenschaftlich- technischen Elite geschehen konnte, gelangt die Ursachenforschung unter anderem zu folgender Erkenntnis:

Der sogenannte Biologismus, also die Theorie, den Menschen und das Sozialleben allein aus biologischen Gesetzmäßigkeiten heraus erklären zu können, war bereits in der Weimarer Zeit und nicht nur in Deutschland eine führende Wissenschaftstheorie. Der Sozialdarwinismus, abgeleitet von Darwins Evolutionstheorie, hielt es für ein Naturgesetz, dass auch innerhalb der Gesellschaften und Völker der Stärkere siegen müsse. Viele durchaus verdiente Wissenschaftler wie beispielsweise Ernst Haeckel, vertraten die Ansicht, dass man zu einer Qualitätsbeurteilung der Menschen kommen müsse und dann die Fortpflanzung der „wertvollen“ fördern und die der „minderwertigen“ hemmen müsse. Diese Ansicht verband sich mit den damals gängigen Rassenforschungen zu einer Qualitätszumessung verschiedener vermeintlich reiner Rassen.

Das Lehrbuch „Rassenkunde des Deutschen Volkes“ von H.F.K. Günther bot Hitler die wissenschaftliche Vorlage für seine Rassenideologie. Mit dem medizinischen Standardwerk „Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“ des Genetikers Erwin Baur, des Anthropologen Eugen Fischer und des Mediziners Fritz Lenz fanden die Selektionsmaßnahmen des Dritten Reichs eine scheinbar wissenschaftlich erwiesene Berechtigung.

Auf dem Boden von Weltuntergangsstimmungen und von Gesellschaftskonflikten im Zuge der Industrialisierung, von einem Gefühl der Demütigung nach dem verlorenen ersten Weltkrieg und von dem verbreiteten Antisemitismus wuchs die Popularität dieser Theorie bis in weite Bereiche der Wissenschaften, insbesondere der Medizin. Indem diese auch im Bürgertum verbreitete Auffassung in den Rang einer vermeintlich objektiven, wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis erhoben worden war, galten ethische Einwände als unwissenschaftlich.

Nur auf diesem Nährboden war es den Nationalsozialisten möglich, ihren Machtanspruch mit dem angeblich höchsten Entwicklungsgrad der „arischen Rasse“ innerhalb der menschlichen Evolution zu begründen und ihre Maßnahmen der Selektion und Vernichtung als Erfüllung von Naturgesetzen darzustellen. Dies erklärt auch, weshalb große Teile der Intellektuellen sich einer scheinbaren wissenschaftlichen Objektivität verpflichtet fühlten und menschlich-empathische Aspekte nicht gelten ließen und somit als Amtsärzte, Leiter psychiatrischer Kliniken, Juristen, Lehrer und Techniker in dem Räderwerk der Vernichtung ihre Rolle einnahmen. Selbst als nach dem zweiten Weltkrieg das ganze Ausmaß des Schreckens ans Licht gekommen waren, fühlten sich die meisten subjektiv unschuldig.

In einem Ablehnungsschreiben auf eine Einladung des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Otto Hahn schrieb Albert Einstein 1949: „Die Haltung der deutschen Intellektuellen – als Klasse betrachtet – war nicht besser als die des Pöbels. Nicht einmal Reue und ein ehrlicher Wille zeigt sich, das Wenige wieder gut zu machen, was nach dem riesenhaften Morden noch gut zu machen wäre.“

Am Beginn der fatalen Ursachenkette bis zum Massenmord standen eine missbräuchliche Verwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und ein Mangel an Empathie für den Menschen mit seinen facettenreichen Besonderheiten. Da dies in Deutschland zu den schlimmsten Auswirkungen führte, ergibt sich aus meiner Sicht folgerichtig die Aufgabe für uns Deutsche, der Erinnerungskultur ein Zukunftsprojekt hinzuzufügen, welches mentalen Verirrungen entgegenwirkt. Den auch in unserer Zeit können allein rationale Denkkonzepte nicht verhindern, dass sich nationale Egoismen durchsetzen und ein mangelndes Verständnis für soziale, kulturelle und religiöse Besonderheiten der Völker der Welt die Konflikte verschärfen.