Persönliche historisch-philosophische Betrachtung

Die beschriebenen mentalen Verirrungen sind aus meiner Sicht nicht zufällig in Deutschland geschehen. Sie sind jedoch kein rein deutsches Phänomen, womit keinesfalls die Verantwortung der Deutschen relativiert werden soll.

Um die Jahrhundertwende vom 18. Zum 19. Jahrhundert hat sich aus der Perspektive des sogenannten Abendlands ein mehrfacher grundlegender Wandel vollzogen. Erstens fand ein Wechsel vom naturphilosophisch ganzheitlichen und religiösen Weltbild zum wissenschaftlichen Weltbild statt. Zweitens verloren damit die christlich geprägten Glaubensgrundsätze ihren Einfluss auf Ethik und Moralvorstellungen. Drittens wurde ein erster Schritt der Globalisierung der europäischen Mächte durch Kolonisation getan. Damit begann auch eine Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Viertens hat sich durch die rasante technologische Entwicklung die Macht auf wenige Länder in der Welt konzentriert, die untereinander um die Vormachtstellung konkurrierten.

Dieser Wandel drückte sich in der zeitgenössischen Sicht auf menschliche Existenzfragen aus. Das „Gottvertrauen“ war verloren, es herrschte Angst vor den sozialen Folgen der Industrialisierung. Die christliche Prägung der allgemeinen moralisch-ethische Konventionen war geschwächt. An ihre Stelle traten rationale Betrachtungsweisen.

Als solche war aus Darwins Evolutionstheorie der Sozialdarwinismus abgeleitet worden. Dem entsprechend wurde der Sieg des Stärkeren über den Schwachen als Naturgesetz angesehen. Damit waren die Machtverhältnisse zwischen den Nationen und innerhalb der Gesellschaft scheinbar biologisch legitimiert. Die Herrschaftsmoral, welche die Herrschenden im Mittelalter missbräuchlich aus der christlichen Lehre abgeleitet hatten, wurde nun geradezu spiegelbildlich als scheinbar logische Konsequenz aus der Genetik dargestellt.

Diese Sichtweise eignete sich besonders als Bollwerk gegen die im Proletariat wachsenden sozialistisch-kommunistischen Tendenzen, was auch die Unterstützung Hitlers durch die Großindustrie erklärt. Hitler erreichte mit seiner Rassenpropaganda jedoch auch das Kleinbürgertum und Teile der Arbeiterschaft, weil auch gesellschaftlich Benachteiligte sich durch seine Theorien als Angehörige der arischen Rasse geadelt fühlen konnten. Hitlers Schuldprojektion auf die Juden hatte vor allem die Funktion, die gesellschaftliche Brisanz der sozialen Ungerechtigkeiten zu entschärfen.

In der bisherigen Aufarbeitung der Ursachen für die nationalsozialistischen Verbrechen kommt das Bewusstsein über das Versagen der Wissenschaften viel zu kurz. Denn ohne deren weithin wirksamen Fehlinterpretationen der Naturgesetze, der Abstraktion von Empathie zum Mitmenschen und der Anmaßung, die menschliche Existenz allein aus biologischen Gesetzen erklären und bewerten zu können, wäre das Morden in Deutschland nicht möglich gewesen.

Ein Faktor liegt aus meiner Sicht im Selbstverständnis des Zeitalters selbst begründet. Indem die Wissenschaften die Menschen aus der Sphäre der Traditionen, Religionen und regionaler Gebundenheiten herausgeführt haben, gelten sie in der Wahrnehmung der aufgeklärten Menschen gemeinhin als rationales Bollwerk gegen dumpfe Mystik und Irrationalität. Die Lehre aus dem Nationalsozialismus macht aber eine zweite Seite der Medaille deutlich: Wissenschaft kann neben ihren lichtvollen Seiten durch Missbrauch auch in düstere Abgründe führen. Als James Watson das Geld für das Human-Genom-Projekt vom amerikanischen Senat bewilligt bekam, erwirkte er, dass 5% der Summe für ethische Zwecke zur Verfügung gestellt wurden. Denn auch sein Institut hatte in der Vergangenheit Häftlinge ohne Einwilligung für Versuche missbraucht.

Wissenschaft und Ethik bleibt ein Spannungsfeld, vom Biologismus, Atomnutzung und Menschenzüchtung bis in weite Zukunft. Aus den historischen Erfahrungen heraus bin ich der Überzeugung, dass die Wissenschaft allein nicht geeignet ist, Seins-Fragen der Menschheit zu klären. Nur die Menschen in der Gesamtheit ihrer Facetten, also als Wesen mit Verstand, Empathie, Kreativität und Spiritualität können in der Lage sein, die Entwicklung der Welt zu steuern. Und in einer global verflochtenen Welt kann dies nur als globales Gemeinschaftswerk glücken. Natürlich ist die Wissenschaft dabei ein ganz wichtiges Instrument. Das Grundübel des Nationalsozialismus aber, die Trennung und Selektion innerhalb des Menschlichen, muss jedoch überwunden werden.

Es ist nun an der Zeit, die Gegensätze in der Welt synergistisch zu einem Ausgleich zu bringen und an einer allseits akzeptierbaren Ethik zu arbeiten. Hierbei müssen sich alle unterschiedlichen Kulturen, mentale Besonderheiten und regionale Interessenslagen mitgenommen fühlen.

One-world-workshop-project könne ein Baustein hierfür sein.